Einleitung und Ziele

Viele Mädchen und Jungen in Bildungseinrichtungen und Einrichtungen der Erziehungshilfe sind in ihren lebensgeschichtlichen Erfahrungen von erheblichen psychosozialen Belastungsfaktoren oder traumatischen Erlebnissen betroffen. Sie stellen mit ihren besonderen Anpassungs- und Regulierungsstrategien häufig eine große Herausforderung für die psychosozialen Fachkräfte dar. Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen besonders häufig von traumatischen Erfahrungen betroffen sind, nicht selten von multiplen und/oder sequentiellen Traumatisierungen (Klein et al 2003, Remschmidt et al. 2001, Jaritz / Wiesinger / Schmid 2008). Diese Kinder und Jugendlichen haben einen besonderen Bedarf an Förderung, Stabilisierung und an Beziehungsangeboten durch die pädagogischen Fachkräfte.

Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass es gerade bei diesen Kindern und Jugendlichen zu vermehrten Krisen kommt, die die Fachkräfte überfordern können. In Folge dessen kommt es unter anderem auch zu vermehrten Abbrüchen der angebotenen Hilfen. Dieses Scheitern führt bei den Kindern und Jugendlichen zur weiteren Verfestigung ihrer Entwicklungs- und Bindungsstörungen und lässt das Helfersystem in erlebter Ohnmacht und Verunsicherung zurück. Es zeigt sich, dass die bisherige pädagogische Praxis mit ihren Ansätzen weder den betroffenen Mädchen und Jungen, noch den Helfersystemen gerecht wird.

Trauma bedeutet übersetzt ‚Wunde‘, und tatsächlich sind in der Begegnung mit den Kindern und Jugendlichen nicht nur ihre Wunden spürbar, sondern es entstehen auf Grund ihrer oft unverständlichen und teilweise hoch verunsichernden Interaktionen und Beziehungsangebote immer wieder neue ‚Wunden‘ auch bei den Fachkräften.

Primäres Anliegen der Traumapädagogik ist daher die Sorge für einen „sicheren Ort“, als wichtige und notwendige Grundvoraussetzung für den Bewältigungsprozess. Dabei geht es sowohl um die innere Sicherheit (Selbstbemächtigung, Traumaverarbeitung, Stabilisierung), als auch um die äußere Sicherheit (Strukturen und Rahmenbedingungen, Haltungen, Stabilität der Betreuungspersonen).

Das Angebot einer fachlich versierten, verlässlichen und verstehenden Beziehung durch eine Bezugsperson garantiert die Unterstützung zur positiven Neuorientierung in einer Realität, die nach den traumatischen Erfahrungen oft nur noch fragmentiert wahrgenommen werden konnte und setzt den negativen Bindungserwartungen korrigierende positive Erfahrungen entgegen.
So schützt die Traumapädagogik vor retraumatisierenden Faktoren und gestaltet einen notwendigen sicheren Rahmen. Dabei greift die Traumapädagogik auf bewährte pädagogische Ansätze (Heilpädagogik, psychoanalytische Pädagogik, milieutherapeutische und systemische Ansätze, u.v.a.m.) zurück, verknüpft diese mit den aktuellen Erkenntnissen der Psychotraumatologie und weiteren interdisziplinären Forschungsansätzen (Bindungsforschung, Resilienzforschung, Emotionsforschung, u.v.a.m.) und entwickelt traumazentrierte pädagogische Förderansätze und Methoden zur Unterstützung der Selbstbemächtigung und Stabilisierung von Mädchen, Jungen und Helfer_innen.

Es geht also um

  • Die Gestaltung sicherer Orte für die Mädchen und Jungen
  • Die Entwicklung von tragfähigen Beziehungen
  • Die Unterstützung der Selbstbemächtigung (W. Weiß)
  • Die Stabilisierung der Pädagog_innen
  • Die Entwicklung von Halt gebenden Strukturen und Standards in Einrichtungen
Ziele der Weiterbildung

Für die Pädagog_innen

  • Erhöhung der eigenen Stabilität und Handlungssicherheit in der Arbeit
  • Erhöhung von Freude, Gelassenheit und Souveränität in der Arbeit
  • Erhöhung der Sensibilität, Flexibilität und Souveränität im Umgang mit dem Thema Trauma
  • Erhöhung von Mut und Zutrauen in der Begleitung und Beratung traumatisierter Mädchen und Jungen und ihrer Familien
  • Erhöhung der Sicherheit in der Kooperation mit anderen psychosozialen Systemen durch Verstehen traumatischer Erfahrungen, Reaktionen und deren Auswirkungen
  • Erkennen und Verstehen trauma- und belastungsbedingter Verhaltensstrategien
  • Verstehen der Weitergabe von traumatischen Erfahrungen in Systemen
  • Erlernen traumazentrierter Förder- und Unterstützungsmethoden
  • Verstehen von Reinszenierungen in Begegnungen und Erlernen verstehender und stabilisierender Reflexionsmethoden
  • Erlernen von Stabilisierungs- und Selbstberuhigungsmethoden
  • Erlernen diagnostischer Ansätze
  • Erlernen beraterischer Ansätze und Methoden
  • Entwickeln einer individuellen, traumasensiblen Haltung und Perspektive

Für die Kinder und Jugendlichen

  • Erleben eines sicheren Ortes
  • Erhöhung der Selbstbemächtigung
  • Erhöhung der Selbstakzeptanz
  • Verstehen eigener Verhaltensstrategien
  • Erlernen alternativer Verhaltensstrategien
  • Erleben von korrigierenden, stabilen Beziehungen
  • Erleben von Wertschätzung, Individualisierung, Selbstwirksamkeit und Freude
  • Steigerung der Leistungsfähigkeit, Motivation und Lebensfreude

durch

  • Methoden zur Unterstützung zur Selbstbemächtigung
  • Rahmenbedingungen und Strukturen eines Sicheren Ortes
  • Resilienzförderung
  • Methoden der Psychoedukation
  • Methoden der Gruppenarbeit
  • Einbindung von traumazentrierten Haltungsansätzen in Alltagsabläufe
Die traumapädagogische Haltung

Die Traumapädagogik versteht sich weniger als eine pädagogische Methode, sondern sieht sich mehr als eine pädagogische Bewegung. Dabei werden die Betroffenen nicht als Opfer stigmatisiert und „klein“ gemacht, sondern als „Überlebende“ und Expert_innen ihres Lebens und außergewöhnlicher Belastungssituationen erkannt und geachtet und stellen somit einen wesentlichen Teil der Lösung dar, aktiv und auf Augenhöhe.
Als korrigierende Erfahrung zum Erleben von Ohnmacht und Machtmissbrauch gelten Transparenz und Partizipation in Entscheidungen, Strukturen und Beziehungsgestaltung als zwingend notwendig.

Traumapädagogische Grundhaltungen sind

  • Traumatisierte Menschen reagieren normal auf nicht normale Geschehnisse.
  • Sie sind die Expert_innen für extreme und belastende Lebenserfahrungen.
  • Die Professionellen stellen ihr Fachwissen respektvoll zur Verfügung und überprüfen mit den Mädchen und Jungen gemeinsam die Bedeutung für sie und ihr Leben.
  • Transparenz auf allen Ebenen
  • Partizipation und Unterstützung in der Balance
  • Übernahme von Verantwortung und Versorgung auf allen Hierarchieebenen
  • Viel Freude trägt viel Belastung – Die Freude der Kinder und Jugendlichen entsteht durch unsere eigene Freude